Die Geschichte
des Hauses der Künstler
1954
beginnt der Psychiater Leo NAVRATIL (1921–2006) seine Patienten nach bestimmten Regeln zeichnen zu lassen. Er leitet eine psychiatrische Männerabteilung in der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Gugging und hatte während seines Studiums eine besondere Form diagnostischer Zeichentests kennen gelernt (Karen MACHOVER, 1949). Navratil übernimmt und erweitert die Schemen der Tests. Der wissenschaftliche und therapeutische Wert dieser Untersuchungsmethode ist aus heutiger Sicht kaum gesichert. Das eigentlich erstaunliche Ergebnis aber ist, daß einige seiner Patienten im Laufe der Jahre Zeichnungen und Schriften von so eigenartiger, ganz unerwarteter Qualität schaffen, daß Navratil dazu übergeht, den Begriff der Kreativität und der Kunst in seine Forschungen über die „Psychopathologie des Ausdrucks“ einfließen zu lassen.
Seine Vorbilder sind u.a. die Ärzte Walter MORGENTHALER (1882-1965) aus der Schweiz und der Deutsche Hans PRINZHORN (1886-1933). Beide weckten bereits in den frühen 1920er Jahren mit ihren dokumentarischen und teilweise wissenschaftlichen Buchveröffentlichungen zum Thema "Kunst und Geisteskrankheit" großes Interesse. Allerdings erwies sich die künstlerische Avantgarde als weitaus empfänglicher für dieses Thema als die Vertreter der Wissenschaften. Die gesellschaftlich, technologisch und kulturell erdrutschartigen Bewegungen dieser Zeit, lenkten die Aufmerksamkeit der zeitgenössischen Künstler auf die intellektuellen und zeitgeistigen Randzonen der Gesellschaft: auf die von diesen Bewegungen unbeeindruckt scheinenden schöpferischen Leistungen von Naturvölkern, Kindern und `Geisteskranken´.
1965
erscheint Navratils erstes Buch, "Schizophrenie und Kunst". Aber wie auch schon bei seinen beiden Kollegen zuvor, interessieren sich weniger Ärzte und Psychologen für diese Publikation – zahlreiche Kontakte mit engagierten österreichischen Künstlern und Schriftstellern sind hingegen die Folge. Arnulf RAINER, Peter PONGRATZ, Franz RINGEL, Ernst JANDL, u.a.. Sie besuchen Navratil in Gugging, unterstützen und ermutigen ihn und erkennen in vielen der Zeichnungen und Schriften außergewöhnlich hohen künstlerischen Wert. Auch Jean DUBUFFET zeigt sich sehr beeindruckt, unterstützt Navratils Entdeckungen und bestätigt die Zugehörigkeit der Künstler zur
→ Art Brut.
1970
kommt es zur ersten großen Verkaufsausstellung in der renommierten Wiener Galerie nächst St. Stephan. Durch den Erfolg dieser Ausstellung und die Wertschätzung seiner Arbeit motiviert, baut Navratil sein Projekt in den folgenden Jahren weiter aus. Es erscheinen zahlreiche Bücher, Text- und Filmbeiträge zum Thema "Kunst und Psychose", er macht Schenkungen an bedeutende Sammlungen und organisiert Ausstellungen.
1981
erfüllt sich der Wunsch Navratils nach einem vom Hospital-Komplex getrennten Wohnbereich - 14 der Patienten ziehen in ein leerstehendes Gebäude, dem Pavillon 11, auf einem Hügel am Rande der Klinik.
Es sind: Anton DOBAY, Alois FISCHBACH, Johann GARBER, Johann HAUSER, Ernst HERBECK, Rudolf HORACEK, Franz KAMLANDER, Franz KERNBEIS, Fritz KOLLER, Johann KOREC, Edmund MACH, Fritz OPITZ, Philipp SCHÖPKE und Oswald TSCHIRTNER. 1982 kommt Johann FISCHER dazu.
Navratil ist mittlerweile dazu übergegangen, die Zusammenarbeit mit seinen „Künstler-Patienten“ als → Kunsttherapie zu verstehen. Das künstlerische Schaffen seiner Patienten bewertet er weiterhin in aller Vorsicht als
→ "Zustandsgebundene Kunst". So gibt er dem neuen Wohn- und Arbeitsbereich den Namen: Zentrum für Kunst-Psychotherapie.
1983
Der Arzt und Künstler Johann FEILACHER wird Assistent Navratils. Feilacher befasst sich schon früh mit einer Umdeutung und Professionalisierung der künstlerischen Tätigkeiten der Patienten. Auf seine Initiative werden in diesem Jahr auch mit den ersten Fassadenmalereien begonnen - viele der Künstler, u.a. Garber, Hauser, Kernbeis und Tschirtner gestalten die Außenwand mit einzelnen Motiven.
August WALLA bezieht im Pavillon ein Zimmer. Walla lebte bis dahin mit seine Mutter im nahegelegenen Klosterneuburg. Die Mutter war erkrankt und konnte sich nicht mehr um August kümmern. Walla war bereits bekannt für seinen umfassenden Gestaltungsdrang; Feilacher legt ihm nahe auch die Wände seines Zimmers zu bemalen - eine Einladung, die Walla annimmt und die ihn über viele Jahre beschäftigt.
Siehe auch: Panoramafotografien
1986
kommt es zu einem einschneidenden Wechsel. Leo Navratil geht in Pension und sein Nachfolger Johann Feilacher übernimmt die Leitung des Hauses. Feilachers erstes Zeichen als Leiter ist eine Namensänderung. Der bisherige Beiname Haus der Künstler wird zur offiziellen Bezeichnung des Pavillons.
Feilacher leitet mit dieser Geste einen tiefgreifenden Wandel, eine Zäsur in der Entwicklung des Projektes ein. Der Status der Bewohner des Hauses als Künstler bekommt nun auch einen offiziellen Charakter und ihre Krankengeschichte wird nunmehr als Privatsache betrachtet. Analysen `krankhafter´ Anteile in den Bildnereien und Schriften der Gugginger und ihre Veröffentlichung wird fortan abgelehnt.
Vor dem Hintergrund dieser Haltung werden fast ausschließlich Kunstbände und Ausstellungskataloge publiziert. Feilacher fördert die Präsenz der Werke im internationalen Kunstgeschehen und erhöht durch das breite Interesse die Bekanntheit der Künstler und den Marktwert ihrer Werke. Sein erklärtes Ziel ist es, eine nachhaltige Anerkennung der Künstler zu sichern. Als Ausdruck einer Professionalisierung, Teilhabe und `Habilitierung´ der Gugginger orientieren sich die Preise für die Bilder an den gleichen Regeln, wie sie auch in der Kunstwelt außerhalb Guggings angewandt werden. Ziel ist: die Maler und Zeichner selbst tatsächlich noch zu Lebzeiten von ihrer Arbeit und ihren Fähigkeiten profitieren zu lassen.
Die Werke der Gugginger befinden sich mittlerweile in zahlreichen öffentlichen und privaten Sammlungen für Art Brut und zeitgenössische Kunst weltweit. Die Zeichnungen, Malereien, Schriften und Objekte der Gugginger Künstler nahmen bis heute an weltweit über 250 Ausstellungen in Galerien und Museen teil. Die Texte der Gugginger Dichter Ernst HERBECK und Edmund MACH wurden auf Lesungen vorgetragen - auf Grund ihrer Leistungen wurden die beiden in Österreichs größter Schriftstellervereinigung, der Grazer Autorenversammlung aufgenommen.
1990
erhielten die → Gruppe "Künstler aus Gugging" mit dem Oskar-Kokoschka-Preis eine bedeutende österreichische Auszeichnung für ihre Verdienste um die zeitgenössische Kunst.
Neben den eigenen Publikationen erschienen zahlreiche Fremdbeiträge, Kataloge, wissenschaftliche Arbeiten usw. und in den letzten 40 Jahren entstand eine ganze Reihe internationaler Dokumentarfilme, Schnittstellen und Berührpunkte zu anderen Kulturschaffenden.
Im Jahr 1990 wird auch der Verein der Freunde des Hauses der Künstler gegründet. Die Tätigkeit dieses Vereines ist nicht auf Gewinn ausgerichtet. Die wichtigsten Ziele sind die Unterstützung und Förderung der Arbeit von Art-Brut-Künstlern. Die allgemeine Anerkennung der → Art Brut in der gegenwärtigen Gesellschaft soll auch zu einer spürbaren Verbesserung der Lebensqualität der Künstler beitragen.
1994
Zwei kleine, bereits von Navratil eingerichtete Schauräume im Erdgeschoss des Hauses, werden als Galerie umgewidmet. Die neue Struktur schafft jetzt für die Künstler spürbare Vorteile, ihre Einkünfte können nun professioneller zu ihren Gunsten geregelt werden.
1997
Die Galerie übersiedelt in ein leerstehendes Nachbargebäude, das ehemalige Kinderhaus. Der freie Raum im Haus der Künstler wird genutzt, um auch
→ Künstlerinnen Platz bieten zu können. Es entstehen getrennte Wohn- und Sanitärbereiche.
2000
Am 1.4. löst sich der Künstler-Pavillon, offiziell Station 11, von der Verwaltung des Krankenhauses. Das Haus der Künstler ist nun nicht mehr Teil der Gugginger Landespsychiatrie und wird in eine Sozialhilfeeinrichtung (SHE) umgewandelt. Der Träger der neu geschaffenen Heimstruktur wird der Verein der Freunde des Hauses der Künstler.
2006
Im Juni wird das Art / Brut Center eröffnet - das Haus der Künstler ist Teil dieses Kulturzentrums. Die Galerie der Künstler aus Gugging sowie das neu eröffnete Museum Gugging, ein offenes Atelier, eine Veranstaltungshalle und zahlreiche Archiv- und Arbeitsräume befinden sich im Nachbargebäude.
2007
Das 1885 geründete Landeskrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie in Maria Gugging wird im September 2007 aufgelöst - eine bewegte Geschichte geht zu Ende: im Zuge der nationalsozialistischen Euthanasie-Aktionen zwischen 1939 und 1945 wurden zahlreiche Gugginger Patienten deportiert oder vor Ort getötet. Nach dem Krieg entwickelte die überfüllte Anstalt zunächst nur allmählich haltbare sozialpsychiatrische Bedingungen. Mitte der 70er Jahre regte schließlich der damalige Direktor Alois Marksteiner umfassende und maßgebende Psychiatriereformen an. Seinem Engagement war auch die Einrichtung des Künstler-Pavillons 1981 zu verdanken. Durch die weltweite Achtung der Leistungen der Künstler wurde "Gugging" allmählich zu einem geflügelten Begriff für eine unorthodoxe, flexible Psychiatrie.
Auf dem Areal der ehemaligen Klinik entsteht in den folgenden 2 Jahren das Institute of Sience and Technology (ISTAustria).
2009
Um mehr BewohnerInnen mehr Raum bieten zu können, bestätigt das Land Niederösterreich die Finanzierung eines Zubaus für das Haus der Künstler.
