Geschichte


1954

begann der Psychiater Leo NAVRATIL (1921–2006) seine Patienten nach bestimmten Regeln zeichnen zu lassen. Er leitete eine psychiatrische Männerabteilung in der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Gugging und hatte während seines Studiums eine besondere Form diagnostischer Zeichentests kennen gelernt (Karen MACHOVER, 1949). Navratil übernahm und erweiterte die Regeln der Tests. Der wissenschaftliche und therapeutische Wert dieser Untersuchungsmethode ist aus heutiger Sicht kaum gesichert. Das eigentlich erstaunliche Ergebnis aber war, daß einige seiner Patienten mit den Jahren Zeichnungen und Schriften von so eigenartiger, ganz unerwarteter Qualität schufen, daß Navratil dazu überging, den Begriff der Kreativität und der Kunst in seine Forschungen über die „Psychopathologie des Ausdrucks“ einfließen zu lassen.

Seine Vorbilder waren u.a. die Ärzte Walter MORGENTHALER (1921) aus der Schweiz und der Deutsche Hans PRINZHORN (1922). Beide weckten bereits in den frühen 1920er Jahren mit ihren dokumentarischen und teilweise wissenschaftlichen Buchveröffentlichungen zum Thema "Kunst und Geisteskrankheit" großes Interesse. Allerdings zeigten sich die `Kulturellen´ weitaus empfänglicher für dieses Thema als die Wissenschaft. Die gesellschaftlich, technologisch und kulturell erdrutschartigen Bewegungen dieser Zeit, lenkten die Aufmerksamkeit der zeitgenössischen Künstler auf die intellektuellen und zeitgeistigen Randzonen der Gesellschaft: auf die von diesen Bewegungen unbeeindruckt scheinenden schöpferischen Leistungen von Naturvölkern, Kindern und `Geisteskranken´.


1965

erschien Navratils erstes Buch, "Schizophrenie und Kunst". Aber wie auch schon bei seinen beiden Kollegen zuvor, interessierte sich weniger die Wissenschaft für diese Arbeit – zahlreiche Kontakte mit engagierten österreichischen Künstlern und Schriftstellern waren hingegen die Folge. Arnulf RAINER, Peter PONGRATZ, Franz RINGEL, Ernst JANDL, u.a.. Sie besuchten Navratil in Gugging, unterstützen und ermutigten ihn und erkannten in vielen der Zeichnungen und Schriften außergewöhnlich hohen künstlerischen Wert. Auch Jean DUBUFFET unterstützte Navratils Entdeckungen und markierte prompt einige der Patienten als Künstler der
Art Brut.


1970

kam es zur ersten großen Verkaufsausstellung in der angesehenen Wiener Galerie nächst St. Stephan. Durch den enormen Erfolg dieser Ausstellung und die Wertschätzung seiner Arbeit motiviert, baute Navratil sein Projekt in den folgenden Jahren weiter aus. Es erschienen zahlreiche Bücher, Text- und Filmbeiträge zum Thema "Kunst und Psychose", er machte Schenkungen an bedeutende Sammlungen und organisierte einige Ausstellungen.


1981

erfüllte sich endlich der Wunsch Navratils nach einem getrennten Wohnbereich - 18 der Patienten zogen in ein leerstehendes Gebäude, Pavillon 11, auf einem Hügel am Rande der Klinik. Navratil war mittlerweile dazu übergegangen, die Zusammenarbeit mit seinen „Künstler-Patienten“ als Kunsttherapie zu verstehen. Das künstlerische Schaffen seiner Patienten bewertete er stets in aller Vorsicht und Skepsis als "Zustandsgebundene Kunst". So nannte er dieses Haus: Zentrum für Kunst-Psychotherapie.

Zentrum für Kunst-Psychotherapie
Zentrum für Kunst-Psychotherapie
Südseite, 1981

1986

kam es zu einem einschneidenden Wechsel. Leo Navratil ging in Pension und sein Nachfolger, der Künstler und Arzt Johann FEILACHER, übernahm die Leitung des Hauses. Seine erste Änderung war, dem Haus einen anderen Namen zu geben. Feilacher taufte es: Haus der Künstler – und leitete mit dieser Geste einen tiefgreifenden Wandel des Projektes ein. Die Bewohner des Hauses waren nun auch offiziell und in erster Linie Künstler und ihre Krankheit nunmehr eine Privatsache. Analysen `krankhafter´ Anteile in den Bildnereien und Schriften der Gugginger lehnte er fortan ab.

Aus dieser Haltung heraus publizierte Feilacher fast ausschließlich Kunstbände und Ausstellungskataloge. Er förderte die Präsenz der Werke im internationalen Kunstgeschehen und erhöhte durch das breite Interesse folglich die Bekanntheit der Künstler und den Marktwert ihrer Werke. Sein Ziel war es, die professionelle Position der Künstler zu sichern. Dazu gehörte natürlich auch, dass sich die Preise für die Bilder an den Regeln des allgemeinen Kunstgeschehens orientieren. Die Maler und Zeichner selbst sollten tatsächlich noch zu Lebzeiten von ihrer Arbeit und ihren Fähigkeiten profitieren.

Die Zeichnungen, Malereien und Objekte der Gugginger Künstler nahmen bis heute an weltweit über Ausstellungen in Galerien und Museen teil. Die Texte der Gugginger Dichter Ernst HERBECK und Edmund MACH wurden auf Lesungen vorgetragen - auf Grund ihrer Leistungen wurden die beiden in Österreichs größter Schriftstellervereinigung, der Grazer Autorenversammlung aufgenommen.


1990

erhielten die Gruppe "Künstler aus Gugging" mit dem Oskar-Kokoschka-Preis eine bedeutende österreichische Auszeichnung für ihre Verdienste um die zeitgenössische Kunst.
Neben den eigenen Publikationen erschienen zahlreiche Fremdbeiträge, Kataloge, wissenschaftliche Arbeiten usw. und in den letzten 40 Jahren entstand eine ganze Reihe internationaler Dokumentarfilme, Schnittstellen und Berührpunkte zu anderen Kulturschaffenden.

Wie zuvor Navratil, so wandte auch Feilacher enorm viel Zeit auf, das Projekt zu fördern und ihm eine Konstante zu verleihen. Da sich das Haus längst nicht mehr als Teil eines psychiatrischen Krankenhauses verstand, kam es im Jahr 2000 zur Trennung von der Hospitalsverwaltung. Das Haus der Künstler bekam eine eigene Heimstruktur und mit dem Verein Freunde des Hauses der Künstler in Gugging einen eigenen Träger.