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→ Künstlerinnen - Frauen in Gugging
In Anbetracht der zahlreichen Zeichnungen, Malereien und Texte, die in Gugging entstanden sind, fällt auf, dass es sich bei den Autoren fast ausschließlich um Männer handelt. In Leo NAVRATILs Publikationen finden sich lediglich 3 Frauen:
In Ferry RADAX´ Dokumentarfilm „Mitteilungen aus der Isolation“ (1970) stellte er z.B. ALMA (1) vor. Wie alle Protagonisten in diesem Film, wurde aber auch sie nicht explizit als KünstlerIn präsentiert. Alma kleidete sich mit selbstgemachten Uniformen und Abzeichen und schrieb kurze Erzählungen. Von Emma BROSCH sind einige Bilder aus Zeichentests in einem Band (1997) aufgeführt. Im selben Buch finden sich auch Zeichnungen von KAROLINE (1). Die Arbeiten befinden sich im Besitz der Niederösterreichischen Landessammlungen.
Leo Navratil zog 1981 in das von ihm eingerichtete Zentrum für Kunst-Psychotherapie, das heutige Haus der Künstler. Er übersiedelte mit 18 seiner chronisch kranken Patienten, die er bereits auf seiner Männerstation der Gugginger Psychiatrie betreut hatte. Navratil selbst führte diese Tatsache als Grund an, weswegen die Gruppe der Gugginger Künstler ausschließlich aus Männern bestand. Der kleine Pavillon 11, in den die Patienten übersiedelten, stieß damals mit 18 Bewohnern auch an die Grenzen der Tragbarkeit – die Zimmer hatten drei bis vier Betten, die Waschbecken waren auf dem Gang. Einen getrennten Wohnbereich für Frauen hatte Navratil zu diesem Zeitpunkt weder vorgesehen, noch war er aus räumlichen Gründen machbar.
Über die genauen Gründe Leo Navratils, sich kaum mit dem künstlerischen Schaffen von Frauen zu befassen, ist nur wenig bekannt oder bleibt zumindest spekulativ. Als Leiter der Männerabteilung, die nach dem Krieg lange Zeit überfüllt und unterversorgt war, wurde er ärztlich und organisatorisch sehr stark in Anspruch genommen. Er wandte viel private Zeit auf, um seine Forschungsarbeit voran zu bringen und um die unvorhergesehenen künstlerischen Entwicklungen seiner männlichen Patienten in einen diagnostischen und kulturellen Rahmen zu rücken. Zu dieser Zeit gab es zwei psychiatrische Männer- und zwei Frauenabteilungen. Möglicherweise blieb ihm schlichtweg nicht der Raum, intensiver mit Patienten anderer Stationen, also eben auch Frauen zu arbeiten. Nach eigenen Angaben führten auch die anderen Abteilungen Zeichentest als diagnostisches Mittel ein, doch hegten sie keinerlei Interesse an den künstlerischen Anteilen der Ergebnisse, bzw. verwarfen mit der Zeit die Idee der therapeutischen Verwertbarkeit.
Navratil schreibt auch, dass er seiner Frau Erna, die in einer der Abteilungen für Frauen arbeitete, die Arbeiten der oben genannten Karoline und Emma Brosch verdankt - die einzigen, die er je veröffentlichte. Ob Erna sich an der Pionierarbeit ihres Mannes nicht beteiligen wollte oder nicht konnte ist unklar. Wir wissen nur, dass sie Leo zwar einerseits unterstützte, andererseits aber seine Passion zu dem Themenfeld "Kunst und Wahnsinn" nicht in diesem Umfang teilen wollte.
Ende der 1990er verlagerte der Nachfolger Navratils, Johann FEILACHER, die Galerie aus dem kleinen Haus der Künstler in ein Nebengebäude.
Raum wurde frei, der prompt dazu genutzt wurde, einen Wohnbereich für Frauen einzurichten. Allerdings konnten bis heute trotzdem keine Frauen langfristig in die Heimstruktur des Hauses integriert werden. Versuche wurden zwar gestartet – sie scheiterten allerdings an der häuslichen Situation. Viele der Frauen, denen ein Umzug ins Haus der Künstler nahe gelegt wurde, waren skeptisch oder lehnten ab.
Für die nächsten Jahre ist für das Haus der Künstler ein Zubau geplant, der mehr Platz für mehr BewohnerInnen bieten wird. Damit wird es möglich sein, den Bedürfnissen von Frauen verstärkt Rechnung zu tragen.
In dem besagten Nebengebäude, das heute den Kern des Art / Brut Center formiert, bietet seit 2001 das Atelier Gugging eine offene, künstlerische Struktur. Selbstverständlich nutzen Frauen das Atelierangebot ebenso, wie Männer.
(1) Navratil gab einigen seiner PatientInnen, über die er sich in der Öffentlichkeit äußerte, Pseudonyme. Die Anonymität sollte v.a. die Angehörigen der jeweiligen Patienten schützen.
