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Kunsttherapie - Praxis und Erfahrung in Gugging

Primarius DDr. Leo NAVRATIL eröffnete 1981 das Zentrum für Kunst-Psychotherapie, das spätere Haus der Künstler. Seine Arbeitsweise beschrieb er als "Individuelle und Spezielle Kunsttherapie" oder auch "Kunst-Psychotherapie".
Schon Ende der 1950er Jahre hatte Navratil begonnen, mithilfe diagnostischer Zeichentests die Krankheitverläufe seiner Patienten auf einer psychiatrischen Männerabteilung zu analysieren. Einige der Bild- und Schriftdokumente empfand Navratil als ungewöhnlich reizvoll und intensivierte in den folgenden Jahren die Zusammenarbeit.

In seinen therapeutischen Anordnungen schrieben, zeichneten oder malten die Patienten in seinem Beisein, einzeln, an einem Tisch in seinem Büro. Zur Suche nach den besten, jeweils speziellen Ausdrucksmöglichkeiten und Fähigkeiten bot er unterschiedliche Materialien und Formate an. Navratil stellte bestimmte Themen, die einerseits der Fertigkeit des Einzelnen förderte.
Andererseits erhoffte er sich durch die Empfindlichkeit seiner Themen die Bildwerdung jener kreativen Kräfte, die auch ihre psychotische Symptomatik produzieren. Nach Navratil wird so die psychotische Eigenwelt sichtbar; der Therapeut begibt sich in diese Welt und löst damit einen kommunikativen Prozess aus, der zur Sozialisierung des Patienten beiträgt.
Oft bot Navratil auch Zeichenvorlagen an. Einige Patienten suchten ganz gezielt nach Motiven. Den meisten legte er aber von ihm gewählte Abbildungen vor. Immer wieder bekamen mehrere Patienten die gleichen Vorlagen, oder ein Patient bekam die gleiche Vorlage in verschiedenen Stadien seines Krankheitsverlaufes. Neben dem künstlerischen Reiz, erhoffte sich Navratil, wie bei früheren diagnostischer Zeichentests, über die Art und den Grad der Deformierung der jeweiligen Zeichnungen gegenüber dem Original, ein feineres Bild von der psychopathologischen Struktur seines Gegenübers zu bekommen.

Mit dem Umzug ins Zentrum für Kunst-Psychotherapie bekamen die Patienten mehr Raum, so dass der Tisch im Büro des Arztes nunmehr eine von vielen Möglichkeiten war künstlerisch zu arbeiten und einige Patienten ihre Tätigkeiten auch relativ selbständig organisieren konnten.

Die Sichtweise heute ist eine ganz andere. Die Einrichtung heißt Haus der Künstler und diagnostische, analytische Ansätze oder gar Interventionen gibt es nicht mehr. Die für Navratil so entscheidende Beziehung und Zusammenarbeit zwischen Therapeut und Patient hingegen wurde lediglich umgewidmet, die persönliche Intensität der Beziehung blieb erhalten - und wurde ausgebaut.
Der Maler ist zum Zeitpunkt des Malens kein Patient, sondern eben ein Maler, ein Künstler – ihm wird mit der gleichen Vorsicht und Empathie begegnet, er bekommt aber zusätzlich unhierarchisch und kulturell emanzipiert profunden Respekt vermittelt.

Wie jeder andere Mensch, so sind auch die Bewohner des Hauses der Künstler trotz ihrer chronischen Krankheit nicht ausschließlich als Patienten zu identifizieren. In demselben Maße begrenzt sich ihr Dasein nicht nur auf eine monotype Künstlerrolle. Die Sozialhilfeeinrichtung (SHE) Haus der Künstler, die Lebensgemeinschaft, in der sie sich befinden, bietet gleichsam als Paket die weitgehende Befriedigung einiger persönlicher und sozialer Grundbedürfnisse, wie sie wohl die meisten Menschen für sich beanspruchen. Die künstlerische Gestaltung selbst bietet zwar im Vergleich zu anderen Betätigungsbereichen ein grenzenlos variables Spielfeld, in das jederzeit jedefrau und -mann ohne Vorkenntnisse einsteigen kann. Sie ist deswegen aber kein therapeutischer Selbstläufer.
Die Künstler in Gugging profitieren von ihrer Tätigkeit, weil sie die Regellosigkeit künstlerischer Prozesse mit ihren eigenen Bedürfnissen vereinbaren können, weil diese Arbeit der früher schwer hospitalisierten Patienten auf spielerische Weise persönliche Ressourcen aktiviert und weil sie ausgerechnet auf diesem Feld ungewöhnliche Fähigkeiten entwickeln konnten. Die Künstler profitieren von den Produkten ihrer Tätigkeit, weil sie sachlich sind, offenen Respekt provozieren und ihnen durch den Verkauf ein Berufsfeld mit eigenem Einkommen zuteil wurde.

Die Struktur der SHE Haus der Künstler ist sozialtherapeutisch ausgelegt, Kunsttherapie findet hier aber ebenso wenig oder ebenso sehr statt, wie bei allen anderen künstlerisch tätigen Menschen.

In der Kunsttherapie allgemein gab und gibt es recht unterschiedliche Schulen und Tendenzen. Wenn sie aber nicht unter ernsthaft psychotherapeutischen Voraussetzungen angewandt wird und der Wirkungsgrad der Therapie für den Patienten oder Außenstehenden nur schwammig zu evaluieren ist, muss die Frage erlaubt sein, ob mit dem Begriff der `Therapie´ nicht allzu leichtfertig umgegangen wird.