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→ Zustandsgebundene Kunst
Die Übersiedlung mit einigen chronisch kranken Patienten in einen Pavillon abseits der Klinik, dem Zentrum für Kunst-Psychotherapie, war für Leo NAVRATIL im Jahr 1981 die vorläufige Endstufe seines praktischen und wissenschaftlichen Engagements. Nach 40jähriger Dienstzeit in der Gugginger Psychiatrie ging Navratil 1986 in Pension. Aber auch über diesen Punkt hinaus blieb er mit Publikationen und Ausstellungen bis kurz vor seinem Tod (2006) aktiv.
Navratils umfassende transdisziplinäre Forschungen über die Kunst seiner Patienten stützten sich auf seine eigenen psychiatrischen Beobachtungen und auf Thesen aus Bereichen der Psychologie, Neurologie und Kunstwissenschaft. Sein Verständnis von einer zustandsgebundenen Kunst kann als zentraler Begriff seiner Forschung verstanden werden.
Mit diesem Begriff formulierte er seine Ansicht, dass die künstlerischen Fähigkeiten seiner Patienten in erster Linie dem Eigenleben ihrer Psychosen entspringen, also nicht mit dem persönlichen Talent des gewöhnlichen Künstlers zu vergleichen ist.
„Die Behauptung, die Kunst der Gugginger Patienten sei auf deren Talent und langjährige Übung zurückzuführen und hätte mit ihrer Krankheit nichts zu tun, scheint mir (...) völlig unrichtig. In Wahrheit ist es so, daß ihre Kunst ohne ihre psychische Störung nicht zustande gekommen wäre, daß die Krankheit eine unerläßliche Bedingung ihres Künstlertums war.“
Navratil relativierte also den Wert der Texte und Bildnereien von Patienten in akut oder chronisch psychotischer Verfassung auf kunsthistorischer Ebene und grenzte sie von der `professionellen Kunst´ ab.
Aus heutiger Sicht kann dem Begriff zwar ein historischer, aber kein nachhaltig wissenschaftlicher Wert zugeschrieben werden.
Navratil konnte bei einigen seiner Patienten beobachten, dass sich mit dem zeitweiligen Abklingen der Psychose auch deren schöpferische Impulse abschwächten, oder die Gestaltungen an Reiz und Originalität einbüßten.
Wie viele andere Ärzte vor ihm, so befasste sich Navratil retrospektiv auch mit dem Leben und Werk einiger etablierter Maler, Zeichner und Dichter, deren Arbeit sich erst mit dem Einsetzen einer Krankheit entscheidend veränderte.
Navratil gelangte aber zu keiner Sachlichkeit, die den entscheidenden Unterschied zwischen dem talentierten Wesen des Künstlers und dem symptomatischen Ausdruck des Psychotikers hätte erklären können.
In Anbetracht der ungewöhnlich hohen Dichte künstlerisch außergewöhnlich beeindruckender Patientenarbeiten, die Leo Navratil seit den 1950ern auf seiner Station entdeckte, ist seine Denkweise und Schlußfolgerung aber nachvollziehbar. Navratil war Arzt - und `Kunst´ eine zunächst unerwartete, für ihn weitgehend fremde Variable.
